Arbeitswelt im Wandel

VISION ZERO: eine Welt ohne schwere Arbeitsunfälle?

Um Fortschritte beim Arbeitsschutz zu machen, braucht es Ziele. Das maximale Ziel lautet „Null Unfälle – Vision Zero“. Eine internationale Konferenz in Berlin zeigte anhand von konkreten Beispielen und Instrumenten, wie sich dies erreichen lässt.

Auf den ersten Blick klingt es wie ein unrealistisches Fernziel: „Vision Zero“, das heißt null Tote, keine Unfälle und keine Berufskrankheiten mehr bei Beschäftigten der Baubranche und den baunahen Dienstleistungen. Über diesen anspruchsvollen und auch in der Verkehrssicherheit verfolgten Ansatz diskutierten Anfang Juni 2022 170 Expertinnen und Experten aus aller Welt auf einer Konferenz in Berlin. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Sektion für Prävention in der Bauwirtschaft der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS). Tatsächlich ist der Kontrast zwischen „Vision Zero“ und der Wirklichkeit groß. Über 200 Millionen Menschen arbeiten weltweit in der Baubranche, täglich ereignen sich zahlreiche Unfälle, allein in Deutschland verloren im Jahr 2021 85 Beschäftigte auf Baustellen ihr Leben.

Positive Entwicklung in den letzten Jahren

Es gibt aber gute Gründe, die für eine Verwirklichung der „Vision Zero“ sprechen: So hat sich die Unfallquote pro 1.000 Vollarbeitern in der deutschen Bauwirtschaft in den letzten 20 Jahren halbiert. Auch in anderen Ländern sind deutliche Fortschritte zu erkennen. Hinter dieser positiven Entwicklung steht auch die Erkenntnis, dass viele Arbeitsunfälle „weiche Ursachen“ wie unzureichende Kommunikation oder unklare Zuständigkeiten haben – und verhältnismäßig einfach verhindert werden können. Und schließlich ist das Ziel „Vision Zero“ an sich einleuchtend. Vermutlich würde jede und jeder die Frage „Wie viele schwere Arbeitsunfälle sind hinnehmbar?“ mit „Keine!“ beantworten – spätestens, wenn es um Kolleginnen und Kollegen, die eigene Familie oder sich selbst geht.

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Werkzeuge für mehr Sicherheit im Betrieb

„Vision Zero“ ist nicht nur ein Ziel, sondern ein Konzept, das auch handfeste Werkzeuge zur Umsetzung bietet. Der Werkzeugkasten besteht aus sieben goldenen Regeln, hinter denen wiederum detaillierte Vorschläge und Checklisten stehen. André Büschkes, Dachdeckermeister aus Euskirchen und ehrenamtlich in der Selbstverwaltung der BG BAU tätig, setzt schon länger auf „Vision Zero“. Das Ergebnis: Sein Betrieb ist seit sieben Jahren unfallfrei, wie er auf der Konferenz in Berlin berichtete. Angelehnt an die goldenen Regeln, ist es dabei wichtig, dass er als Chef dem Thema einen hohen Stellenwert einräumt (Regel 1), die organisatorische Strukturen für mehr Arbeitssicherheit geschaffen hat (Regel 4) und in sichere Technik und Ausrüstung investiert (Regel 5). Die Beschäftigten haben bei ihm „das Recht, Stopp zu sagen, aber auch die Pflicht, Lösungen zu finden“, so Büschkes. Sie werden also aktiv beim Thema Sicherheit eingebunden (Regel 7).
 

Die 7 goldenen Regeln der „Vision Zero“

  1. Leben Sie Führung – zeigen Sie Flagge!
  2. Gefahr erkannt – Gefahr gebannt!
  3. Ziele definieren – Programm aufstellen!
  4. Gut organisiert – mit System!
  5. Maschinen, Technik, Anlagen – sicher und gesund!
  6. Wissen schafft Sicherheit!
  7. In Menschen investieren - motivieren durch Beteiligung!


Investitionen in Arbeitsschutz lohnen sich

Das Beispiel zeigt: Guter Arbeitsschutz erfordert Investitionen, die sich aber gleich mehrfach auszahlen. Werden Unfälle verhindert, erspart das den Betroffenen nicht nur viel Leid, sondern dem Betrieb auch Ausfalltage. Außerdem sind Beschäftigte, die in einem Unternehmen mit hohen Sicherheitsstandards arbeiten, zufriedener und motivierter, weil sie wissen, dass sich die Arbeitgeberin oder der Arbeitgeber um ihre Gesundheit kümmert. Das wirkt sich wiederum positiv auf die Arbeitsleistung und die Verweildauer im Unternehmen aus. Unter dem Strich, so Experten auf der Konferenz, fließt für jeden Euro, der in den Arbeitsschutz investiert wird, mindestens das Doppelte zurück in die Unternehmenskasse.

Vorteile bei Gewinnung von Fachkräften

Positive Effekte sieht Jens-Uwe Lutz, Inhaber eines Malerbetriebs aus Berlin und ebenfalls in der Selbstverwaltung der BG BAU aktiv, auch bei der Fachkräftegewinnung: „Je weniger Arbeitsunfälle es im Unternehmen gibt und je sicherer der Arbeitsplatz, desto einfacher ist es, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu bekommen“, sagt er. Für ihn ist „Vision Zero“ ein erfolgreiches Konzept, das es bereits heute geschafft hat, die Sicherheitskultur in vielen Ländern und Unternehmen positiv zu beeinflussen. Und je mehr Menschen sich diesem Ansatz anschließen, umso eher wird „Vision Zero“ zur Realität.

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