Porträt Carsten Burckhardt, IG BAU.
Bild: Tobias Seifert - IG BAU
Im Gespräch

„Arbeitsschutz ist kein Bürokratieballast“

Carsten Burckhardt, stellvertretender Bundesvorsitzender der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU), erläutert, wie sich die Produktivität erhöhen lässt, ohne Gesundheit und Sicherheit von Beschäftigten zu vernachlässigen.

Herr Burckhardt, wie blickt die IG BAU auf die aktuelle Entbürokratisierungsdebatte?

Als IG BAU sind wir offen für Entbürokratisierung, wenn sie gute Arbeit fördert und das Bauen einfacher macht – ohne dabei Tarif-, Umwelt- und Gesundheitsschutzstandards abzubauen. Arbeitsschutz ist kein Bürokratieballast. Vorschriften sind oft das Ergebnis bitterer und schmerzhafter Erfahrungen. Effizienz: ja, Abbau von Schutzrechten: nein. Die Produktivität in den Betrieben sichern oder steigern wir weder durch Entbürokratisierung und längere Arbeitszeiten noch durch weniger Urlaub, sondern durch verbesserte Planungs- und Ablaufprozesse, durch qualifizierte Fachkräfte und mehr Digitalisierung.
 

Welche Bedeutung haben Sicherheitsbeauftragte im Unternehmen?

Sicherheitsbeauftragte sind für uns ein zentraler Baustein wirksamer Prävention. Sie sind nah am Geschehen, erkennen Risiken früh und sprechen Kolleginnen und Kollegen in ihrer Sprache und mit ihren Erfahrungen und Kompetenzen direkt an. Eine Verringerung ihrer Zahl schwächt den Arbeitsschutz spürbar – gerade im Handwerk, wo viele Betriebe weniger als 50 Beschäftigte haben und die Unfallzahlen bereits heute höher sind als in größeren Betrieben. Weniger engagierte Sicherheitsbeauftragte bedeuten weniger Aufmerksamkeit für Gefahren und damit ein höheres Unfallrisiko.

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Was braucht es aus Ihrer Sicht, um Unfallzahlen weiter zu senken?

Entscheidend sind gute Planung, realistische Abläufe und eine gelebte Sicherheitskultur. Arbeitsschutz muss von Beginn an mitgedacht werden – in der Ausschreibung, in den Abläufen und Prozessen sowie in der Personalplanung. Zeitdruck und Arbeitsverdichtung sind zentrale Unfalltreiber. Die Unternehmer, die hier investieren, können nicht nur von mehr Sicherheit, sondern auch von mehr Qualität und Produktivität profitieren. Als IG BAU fordern wir deshalb, Arbeitsschutz insgesamt stärker zu priorisieren. Sicherheit, Verlässlichkeit und Leistung gehören zusammen.

Porträt Carsten Burckhardt, IG BAU.
Bild: Tobias Seifert - IG BAU

Zur Person

Carsten Burckhardt gehört seit 2013 dem Bundesvorstand der IG BAU an. Seit 2025 ist er stellvertretender Bundesvorsitzender und für die Branchen- und Tarifpolitik im Bauhauptgewerbe, Bauausbaugewerbe und in der Baustoffindustrie zuständig. Ebenso gehören die Themen Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz sowie Berufsbildung zu seinen Aufgabenbereichen. Der gelernte Elektriker und Diplom-Sozialarbeiter wurde darüber hinaus 2020 vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in den Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit berufen.
 

Wie lassen sich Beschäftigte vor Gefahrstoffen wie Asbest schützen?

Bei Gefahrstoffen generell entscheiden Wissen, Qualifikation und Prävention. Es braucht klare Informationspflichten der Bauherren, verbindliche Prüfungen vor Arbeitsbeginn sowie qualifizierte Beschäftigte und Betriebe. Asbest ist eine reale Gesundheitsgefahr mit oft tödlichen Spätfolgen. Der Arbeitsschutz muss die Asbestgefahr stärker in den Fokus rücken. Dazu gehört auch eine breite Aufklärungskampagne. Wer plant und baut, muss Risiken erkennen, bewerten und ausschließen – bevor gearbeitet wird.
 

Welche Rolle spielt die Eigenverantwortung der Beschäftigten?

Beschäftigte können nur sicher und professionell arbeiten, wenn Zeit, Qualifikation, Ausrüstung und Rückendeckung stimmen. Arbeitsschutz lebt von Beteiligung, einer ernsthaften Kultur des Miteinanders, guten Unterweisungen sowie Offenheit für Fortschritt und Innovation. Gute Arbeit heißt: Sicherheit ist selbstverständlich – und Wegschauen keine Option. Eigenverantwortung heißt, Probleme anzusprechen und den Betriebsrat einzubeziehen. Wo es noch keinen Betriebsrat gibt, sollte einer gewählt werden. Wenn Beschäftigte weder Sicherheit noch persönliche Schutzausrüstung bekommen, heißt es: Stopp sagen – und den Betrieb wechseln.

9. März 2026

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