Dozent Tobias Jesse führt durch ein Kommunikationstraining mit Flipchart und Plakatwand im Hintergrund
Bild: Tobias Jesse
Insider

„Auch Kommunikation sollte zu den Werkzeugen eines Handwerkers gehören“

Im Interview spricht Tobias Jesse über seine Erfahrungen als Dozent bei der BG BAU. In neun Jahren hat er über 2.000 Sicherheitsbeauftragte geschult und festgestellt, wie wichtig Kommunikation für deren Arbeit ist.

Herr Jesse, Sie arbeiten nun seit neun Jahren als Dozent für die BG BAU. Was ist das Besondere an Ihrer Tätigkeit?

Ich durfte mehr als 2.000 Teilnehmer schulen. Handwerker, Bauleiter, Unternehmer. Viele davon Menschen, die wie ich nach dem Prinzip des lebenslangen Lernens leben. 

Was verstehen Sie unter dem Prinzip des lebenslangen Lernens? 

Wer heute eine Meisterausbildung macht, der bekommt danach im Schnitt ein Drittel mehr Gehalt. Und dabei geht es nicht mal hauptsächlich ums Geld. Man führt anschließend verantwortungsvolle Tätigkeiten durch, die einen auch geistig fordern. Ähnliches gilt für die Ausbildung zur Fachkraft für Arbeitssicherheit, die von der BG BAU angeboten und finanziert wird. Im letzten Lehrgang hatte ich einen 54-jährigen Teilnehmer, der sein Leben lang Rohrverstopfungen beseitigt hat. Nach der Ausbildung zur Fachkraft für Arbeitssicherheit hat er ASA-Sitzungen moderiert oder auf Augenhöhe mit seinem Arbeitgeber Verhandlungen über Verbesserungen im Arbeitsschutz geführt.

Sind Sie selbst auch Meister?

Nein, ich habe nach der Maurerlehre das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht. Später habe ich ein Masterstudium im Kommunikationsbereich an der Universität in Regensburg absolviert.

Und nun führen Sie Kommunikationsseminare für die BG BAU durch.

Ja, seit neun Jahren. Und nicht nur „reine“ Kommunikationsseminare. Auch die Aufbauseminare für Sicherheitsbeauftragte oder die Ausbildung zur Fachkraft für Arbeitssicherheit enthalten Kommunikationsbestandteile.

„Wie kann ich Arbeitsschutz wirksam vermitteln? Und mit der Keule für Gesundheit zu kämpfen, ist sicherlich keine gute Idee.“
Tobias Jesse, BG BAU-Dozent

Handwerker und Kommunikationstraining? Klingt genauso unpassend wie Banker im Blaumann!

In unseren Seminaren geht es um die Frage: Wie kann ich Arbeitsschutz wirksam vermitteln? Und mit der Keule für Gesundheit zu kämpfen, ist sicherlich keine gute Idee. Man muss den Fisch mit einem Köder locken, der ihm schmeckt. Daher sollte auch Kommunikation zu den Werkzeugen eines Handwerkers gehören.

Aber wie motiviert man Handwerker zu einem Kommunikationstraining?

Hierbei hilft mir der Stallgeruch aus meiner Maurerlehre. Durch meine eigenen Erfahrungen auf dem Bau kann ich die Leute dort abholen, wo sie sind.

Und wo ist das?

Die meisten haben in ihrem Leben noch keine Kommunikationstheorien gehört. Und oft wollen sie auch keine langen theoretischen Vorträge hören. Es ist ein Umfeld aus Praktikern.

Und wie vermitteln Sie das Thema dann im Seminar?

Nehmen wir mal den Bereich „wertschätzende Kommunikation“. Natürlich sage ich zum Einstieg ein paar Sätze zum Urvater der gewaltfreien Kommunikation, Marshall Rosenberg, und die grundlegende Idee, die dahintersteht. Aber anschließend geht es direkt ins praktische Training. Jeder Teilnehmer stellt sich einem anderen Teilnehmer gegenüber und spricht einen klassischen Alltagssatz aus. Dann wird der „Du-Satz“ in eine „Ich-Botschaft“ umgewandelt.

Illustration eines Lautsprechers mit Briefen.
Bild: Julien Eichinger - stock.adobe.com

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Wie gehen Sie als Dozent mit möglichen Widerständen um?

Sie meinen, wie ich meine Teilnehmer motiviere? Ich komme vom Boxen. Wer gewinnen will, der muss mutig nach vorne gehen! Klar kann man einen Kampf auch in der Defensive überstehen. Den Teilnehmenden wird das leicht verständlich. Das Anlernen von Fähigkeiten wie „Kommunikation“ hat mit Mut zu tun. Wer etwas Neues ausprobiert, der läuft natürlich immer Gefahr, mal einen Fehler zu machen und möglicherweise in einen Konter zu laufen. Rückschläge gehören zum Lernprozess mit dazu!

Aber reicht ein Drei-Tage-Seminar, um neue Fähigkeiten zu erlernen?

Das Seminar allein reicht nicht, aber es ist ein wichtiger Bestandteil. Wer dranbleibt und regelmäßig trainiert, bei dem wird eine dauerhafte Veränderung sichtbar. So empfehlen wir Sicherheitsbeauftragten zum Beispiel, unser Aufbauseminar alle zwei Jahre zu wiederholen. Noch wichtiger ist allerdings, was zwischendrin im Alltag passiert. Kennen Sie die 10.000 Stunden-Regel?

Nein, erzählen Sie davon! 

Eine gängige Formel in der Weiterbildung besagt: Man muss 10.000 Stunden investieren, um in einer Sache richtig gut zu werden. Wer also besser in der Kommunikation werden will, der muss das auch bei der Arbeit tun und nicht nur im Seminar. Im Seminar wird der Umgang mit den Werkzeugen trainiert. Der Einsatz kommt dann bei der Arbeit.Vielen Dank für das Interview, Herr Jesse.

25. September 2026

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